Häufig gestellte Fragen

Sind ElitenFeinde des Fortschrittes?(Seiten 76 – 78)
Revolutionäre Geister pflegen gegen den Adel und die traditionellen Eliten folgenden Einwand vorzubringen: Da sie traditionsgebunden seien, würden sie sich ständig der Vergangenheit zuwenden und dabei der Zukunft, in der der wahre Fortschritt zu suchen sei, den Rücken zukehren. Sie würden also die Gesellschaft daran hindern, sich weiterzuentwickeln.

Nun lehrt uns aber Papst Pius XII., daß es den wahren Fortschritt allein auf der Linie der Tradition gibt und daß er sich nur verwirklicht, wenn er nicht unbedingt eine Rückkehr in die Vergangenheit, aber doch ihre harmonische Weiterentwicklung bedeutet. Ist nämlich erst einmal die Tradition gebrochen, sieht sich die Gesellschaft schrecklichen Risiken ausgesetzt:

“Die Ereignisse auf dieser Welt fließen dahin wie ein Strom an den Ufern der Zeit. Die Vergan­genheit räumt notgedrungen den Platz, und der Weg für die Zukunft und für die Gegenwart ist nichts weiter als ein flüchtiger Augenblick, der die beiden verbindet. Das ist einfach so ein gesetzmäßiger Ablauf, an sich nichts Böses. Böse wäre es, wenn diese Gegenwart, die nur eine ruhige Welle mit Dahinfließen des Stromes der Zeit ist, sich in einen Brecher verwandelte, der alles, was auf seinem Wege liegt, wie ein Taifun oder Zyklon zerstört und mit Urgewalt vernichtend einen Graben aufwirft zwischen dem, was war, und dem, was kommen soll. Solch wilde Sprünge, welche die Geschichte in ihrem Ablauf macht, bilden das, was man eine Krise nennt, d. h. eine gefährliche Periode, die zur Erlösung oder zum endgültigen Untergang führen kann. Krisen, deren Lösung noch geheim­nisvoll verhüllt, sich hinter den schwarzen Wolken der Kräfte in Aufruhr verbirgt.”

Die Tradition erspart den Gesellschaften die Stagnation, aber auch das Chaos und den Aufruhr. Der Schutz der Tradition, auf den Papst Pius XII. an dieser Stelle anspielt, ist der spezifische Auftrag des Adels und der ihm vergleichbaren Eliten.

Dieser Aufgabe entziehen sich nicht nur die Eliten, die sich aus dem konkreten Leben zurückziehen, sondern auch diejenigen, die in das maßlose Gegenteil verfallen. Sie mißachten ihren Auftrag und lassen sich - indem sie sich von aller Vergangenheit lossagen - völlig von der Gegenwart einnehmen.

Kraft der Vererbung verlängern die Adeligen auf der Erde das Weiterleben großer Gestalten der Vergangenheit: “Ihr laßt Eure Vorfahren neu aufleben, indem Ihr sie ins Gedächtnis zurückruft. Und Eure Ahnen leben wieder auf in Euren Namen und in den Euch hinterlassenen Titeln, den Zeugen ihrer Verdienste und Großtaten.”

Diese Tatsache verleiht dem Adel und den traditionellen Eliten eine ganz besondere Sendung, sind sie es doch, die dafür sorgen, daß der Fortschritt in nahtlosem Übergang aus der Vergangenheit hervorgeht:

“Ist denn etwa die menschliche Gemeinschaft­ - oder sollte sie es nicht so sein – zu vergleichen mit einer gut funktionierenden Maschine, bei der jeder Bestandteil zum harmonischen Funktionieren bei­trägt? Jeder Mensch hat seine Bestimmung, jeder muß dem Fortschritt der Gemeinschaft dienen, deren Verbesserung er mit seinen ganzen Kräften und eigenen Talenten zu dienen hat. So muß es sein, wenn jeder wirklich seinen Nächsten liebt und vernünftigerweise das allgemeine Wohl anstrebt.

Nun gut, welche Aufgabe wurde Euch, geliebte Söhne und Töchter, in besonderer Weise zugeteilt? Welche Mission sollt Ihr erfüllen? Sicherlich jene, die normale Entwicklung zu fördern. Diese Aufgabe fällt bei einer Maschine dem Regler zu, dem Schwungrad oder dem Reostat, die Teile des Ganzen sind, von ihm einen Teil der Energie bezie­hen und dafür zu sorgen haben, daß der ganze Apparat zweckentsprechend funktioniert. Mit anderen Worten, Patrizier und Adelige, Ihr seid die Tradition und setzt sie fort.”

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10. Vgl. Dokumente VI.
11. Ansprache an das Patriziat und an den Adel von Rom, 1944, S. 177f.
12. Ansprache an das Patriziat und an den Adel von Rom, 1942, S. 345. Zu diesem Aspekt hat sich Rivarol, der große Polemiker, der sich der Französischen Revolution des Jahres 1789 widersetzte, deren Zeitgenosse er war, mit folgenden Worten geäußert: “Die Adeligen sind mehr oder weniger alte Münzen, die die Zeit in Medaillen verwandelt hat” (in M. Berville, Mémoires de Rivarol, Baudouin Frères, Paris 1824, S. 212).
13. Ansprache an das Patriziat und an den Adel von Rom, 1944, S. 178.
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