Häufig gestellte Fragen

Rechtfertigt sich der Einsatz zugunsten der Eliten? Bewirkt er einen gerechten, umfassenden Nutzen für die Arbeiter und bedeutet keinerlei Nachteil für sie? (Seiten 27 – 29)
Es braucht nicht eigens darauf hingewiesen zu werden, daß heutzutage viel von den sozialen Ansprüchen der Arbeiter die Rede ist. In dieser Haltung kommt eine durchaus lobenswerte Fürsorglichkeit zum Ausdruck, die es grundsätzlich verdient, von allen rechtschaffenen Menschen unterstützt zu werden.

Wer aber einseitig nur das Wohl der Arbeiterklasse im Sinn hat und dabei die Probleme und die Bedürfnisse anderer Klassen außer acht läßt, denen die große Krise unserer Zeit manchmal aufs Härteste mitspielt, vergißt, daß sich die Gesellschaft aus verschiedenen Klassen zusammensetzt, die alle ihre besonderen Aufgaben, Rechte und Pflichten haben, und eben nicht nur aus Werktätigen. Die Schaffung einer einzigen, klassenlosen Gesellschaft auf der ganzen Welt ist nichts als eine Utopie, wenngleich sie seit dem 15. Jahrhundert im christlichen Europa immer wieder das Ziel von Egalisierungsbewegungen war. In unseren Tagen wird sie vor allem von Sozialisten, Kommunisten und Anarchisten angepriesen.

Die über Europa, die drei amerikanischen Teilkontinente, Afrika, Asien und Ozeanien verbreiteten TFP’s und TFP-Büros setzen sich durchaus für alle der Arbeiterklasse zustehenden Verbesserungen ein, sie können sich jedoch nicht dem Gedanken anschließen, daß diese Verbesserungen mit dem Verschwinden anderer Klassen verbunden sein müssen, oder daß ihre Bedeutung, ihre Pflichten, ihre Rechte und ihre Aufgaben im Rahmen des Gemeinwohls derart zurückgedrängt werden, daß es einem Aussterben gleichkommen würde. Sich für eine Lösung der sozialen Frage einzusetzen, die alle Klassen zum illusorischen Vorteil einer einzigen nach unten nivelliert, muß notgedrungen zu einem wahren Klassenkampf führen, denn die Ausschaltung aller zum alleinigen Vorteil der Diktatur einer einzigen, nämlich des Proletariats, stellt die übrigen Klassen vor die Alternative, zur Notwehr zu greifen oder unterzugehen.

Man darf von den TFP’s nicht erwarten, daß sie diesem sozialen Nivellierungsprozeß zustimmen. Denn im Gegenzug zu den Vertretern des Klassenkampfes und in Zusammenarbeit mit zahlreichen Initiativen, die heute für den sozialen Frieden arbeiten, indem sie sich für die gerechte und die notwendige Förderung der Arbeiter einsetzen, müssen alle objektiv orientierten Zeitgenossen eine Aktion für die soziale Ordnung entwickeln und diese der auf Spannungen und letztendlich auf Klassenkampf ausgerichteten sozialistischen oder kommunistischen Aktion entgegensetzen.

Um bestehen zu können, verlangt die Sozialordnung, daß jeder Klasse das Recht auf das zugestanden wird, was sie zu einem Dasein in Würde braucht. Und jede soll sich unter Wahrung der ihr eigenen Rechte in der Lage sehen, den ihr im Hinblick auf das Gemeinwohl zufallenden Pflichten nachzukommen.

Mit anderen Worten, es ist unumgänglich, daß die Aktion zugunsten der Arbeiter mit einem entsprechenden Einsatz zugunsten der Eliten einhergeht.

Wenn sich die Kirche für die soziale Frage interessiert, so geschieht dies nicht, weil ihr nur die Arbeiterschaft am Herzen liegt. Sie ist keine zum Schutz einer einzigen Klasse gegründete Arbeiterpartei. Mehr als die verschiedenen, einzelnen und ohne Verbindung mit den anderen gesehenen Klassen liebt sie die Gerechtigkeit und die Nächstenliebe, und sie setzt sich dafür ein, daß diese unter allen Menschen herrschen mögen. Deshalb liebt sie alle gesellschaftlichen Klassen .... auch den von der egalitären Demagogie so verteufelten Adel.
Diese Erwägungen führen folgerichtig zum Thema des vorliegenden Buches.

Tatsächlich erkennt Papst Pius XII. dem Adel eine wichtige, charakteristische Aufgabe in der heutigen Gesellschaft insgesamt zu. Wir werden im folgenden noch sehen, daß diese Mission auf vergleichbare Weise und in einem beträchtlichen Maße auch andere gesellschaftliche Eliten angeht.

Der Heilige Vater hat diese Aufgabe in vierzehn mustergültigen Ansprachen dargelegt, die er bei den dem Patriziat und dem Adel von Rom vorbehaltenen Glückwunsch-Audienzen zum Jahreswechsel in den Jahren 1940 bis 1952 und dann wieder 1958 gehalten hat.

Nun bleibt aber keinem verborgen, daß heute weltweit eine ungeheure, vielgestaltige Kampagne mit dem Ziel der Verminderung und Abschaffung des Adels wie auch der übrigen Eliten geführt wird. Man braucht sich ja nur den überwältigenden Druck zu vergegenwärtigen, der überall ausgeübt wird, dessen Rolle nicht mehr in Betracht zu ziehen, sie anzufechten oder doch wenigstens einzuschränken.

Das Eintreten für den Adel und die Eliten ist also heute in gewissem Sinne angezeigter den je. Mit abgeklärter Unerschrockenheit soll daher folgende Behauptung aufgestellt werden: In unserer Zeit, in der die vorrangige Option für die Armen zur Notwendigkeit wurde, ist auch eine vorrangige Option für die Adeligen unentbehrlich geworden, vorausgesetzt, daß in diesen Begriff auch andere traditionelle Eliten hineingenommen werden, die ebenso Gefahr laufen zu verschwinden und daher Unterstützung verdienen.

Diese Behauptung mag absurd erscheinen, wenn man bedenkt, daß theoretisch die Lage eines Arbeiters eher an Armut erinnert als die eines Adeligen und daß bekanntlich viele Adelige über ein großes Vermögen verfügen.

Ja, manchmal ist es wirklich ein großes Vermögen. Aber man darf nicht vergessen, daß die Steuerbehörden gewöhnlich erbarmungslos an diesem Vermögen nagen. Und so müssen wir immer wieder betroffen mit ansehen, wie die Besitzer notgedrungen einen guten Teil ihrer Villen und Herrenhäuser in Hotels oder Touristenunterkünfte verwandeln, während für sie selbst nur noch ein Teil des Familienwohnsitzes übrig bleibt. Es gibt auch Paläste, in denen der Besitzer gleichzeitig als Konservator und Fremdenführer – oder gar als Barmann – fungiert, während seine arbeitsame Gattin oft durchaus einfache Arbeiten verrichtet, um das Haus ihrer Vorfahren sauber und vorzeigbar zu halten.

Ist gegenüber einer solchen Verfolgung, die übrigens auch andere Formen annehmen kann, wie etwa die Aufhebung der Majorate und die Zwangsteilung der Erbgüter, nicht eine vorrangige Option für die Adeligen angebracht?

Natürlich nicht, wenn der Adel grundsätzlich als eine Klasse von Schmarotzern angesehen wird, die ihr eigenes Besitztum verschleudert. Doch dieses Adelsbild, das der schwarzen Legende der Französischen und der ihr folgenden Revolutionen angehört, die ihr in Europa und auf der ganzen Welt nachgeeifert haben, hat Papst Pius der XII. abgelehnt. Obwohl er auch deutlich auf Mißstände und Auswüchse aufmerksam macht, die vor der Geschichte einen scharfen Tadel verdienen, beschreibt er doch mit bewegten Worten die Übereinstimmung zwischen der Sendung des Adels und der von Gott selbst eingerichteten, natürlichen Ordnung der Dinge sowie den erhabenen, wohltätigen Sinn dieser Sendung.

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1. Vgl. Plinio Corrêa de Oliveira, Revolution und Gegenrevolution, TFP-Büro Deutschland, Frankfurt am Main, 1996, S. 45, 91-103.
2. Vgl. Kap. IV,8; Kap. V,6.
3. Das römische Patriziat unterteilte sich damals in zwei Kategorien:
a) Römische Patrizier, die von den Männern abstammten, die im Mittelalter zivile Ämter im Kirchenstaat innegehabt hatten.
b) Einberufene römische Patrizier, die zu einer der 60 Familien gehörten, die der Heilige Vater mit einer besonderen Bulle, in der alle namentlich aufgezählt wurden, als solche anerkannt hat. Sie bildeten die Crême des römischen Patriziats.
Der römische Adel war ebenfalls in zwei Kategorien aufgeteilt:
a) Die Adeligen, die von Lehnsmännern abstammten, das heißt von Familien, die von den Päpsten Lehen erhalten hatten.
b) Der einfache Adel, dessen Titel sich von der Übertragung eines Amtes am Hofe ableitete oder vom Papst unmittelbar verliehen worden war.
Von den Ansprachen Papst Pius’ XII. an das Patriziat und an den Adel von Rom sind besonders die aus den Jahren 1952 und 1958 hervorzuheben, weil in diesen praktisch alles zusammengefaßt ist, was in den vorausgegangenen Ansprachen bereits gesagt worden ist.
1944 hielt Papst Pius XII. am 11. Juli eine besondere Ansprache, in deren Verlauf er den römischen Adelsfamilien für die Bereitstellung einer großzügigen Geldsumme für die Bedürftigen dankte.
Zwischen 1953 und 1957 hat Papst Pius XII. keine Ansprachen an das Patriziat und an den Adel von Rom gehalten. Er nahm diesen Brauch erst im Januar 1958 wieder auf. Er starb am 9. Oktober desselben Jahres.
4. Vgl. Ansprache an das Patriziat und an den Adel von Rom, 1943.
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