Der Adel des Blutes ist ein starker Ansporn, tugendhaft zu leben

19/09/2019

Aus dem hervorragenden Text der Homilie des heiligen Karl Borromäus (1538-1584), Erzbischof von Mailand, zum Fest der Geburt Unserer Lieben Frau am 8. September 1584:

„Der Anfang des Evangeliums des Matthäus, das Euch vor kurzem von hier aus durch die Heilige Mutter Kirche verkündet wurde, regt uns vor allem dazu an, aufmerksam den Adel, die her­vorragende Abstammung und die Erhabenheit der Allerheiligsten Jungfrau zu untersuchen. Wenn man als Adeligen denjenigen anzusehen hat, der diese Ehre von verdienstvollen Ahnen übertragen erhalten hat, wie überragend ist dann erst der Adel Mariens, der sich von Königen, Patriarchen, Pro­pheten und Priestern aus dem Stamme Juda, dem Geschlecht Abrahams und dem königlichen Geschlecht Davids ableitet?

Auch wenn wir es nicht übersehen, daß wir selbst vom wirklichen Adel – dem christlichen – sind, den uns allen der Erstgeborene des Vaters verliehen hat, als ‚Er allen, die Ihn aufnahmen, die Macht gegeben hat, Kinder Gottes zu werden’ (Joh. 1, 12) und daß allen gläubigen Christen diese Würde und dieser Adel zu eigen ist, glauben wir doch, daß der Blutsadel keineswegs zu verachten oder gar abzulehnen ist. Im Gegenteil, wer diesen Blutsadel nicht als Gabe und einmalige Gunstbezeugung Gottes anerkennen und Gott, dem Spender aller guten Gaben, ganz besonders dafür danken würde, wäre absolut unwürdig, ein Adeli­ger genannt zu werden. Dies schon deshalb, weil die Verrohung eines undankbaren Charakters, wie sie schändlicher nicht zu denken ist, den Ruhm der Vorfahren verdunkeln könnte. Denn der Blutsadel trägt auch viel zur wirklichen Schönheit der Seele bei und ist von nicht geringem Nutzen für sie.

Unsere Herrin von Rokitniańska.

Vor allem bereiten der Ruhm seines edlen Blutes, die Tugenden der Vorfahren und deren be­rühmte Taten, den Edelmann in wunderbarer Weise darauf vor, in die Fußstapfen seiner Ahnen zu treten. Und es kann nicht bezweifelt werden, daß auch seine eigene Eigenart mehr der Tugend zugeneigt ist: entweder, weil sein Stamm eben von diesen Ahnen herkommt und dadurch ihr Geist in ihm weiterwirkt, oder durch die dauernde Erinnerung an ihre Tugenden, die ihm besonders teuer sind – was er zu schätzen weiß – weil sie der Ruhm seiner Blutsverwandten gewesen sind. Oder schließlich auf Grund der guten Erziehung, die er durch her­vorragende Männer erhalten hat. Allgemein ist die Wahrheit bekannt, daß Edelmut, Großzügig­keit, hervorragende Tugenden und die Autorität der Eltern die Kinder dazu anregen, dieselben Tugenden mit großem Eifer zu üben. Daraus ist abzuleiten, daß die Adeligen, quasi einem Naturin­stinkt folgend, nach Ehre streben, den Großmut pflegen, billige Vorteile ablehnen und – mit einem Wort – all das zurückweisen, was sie als unvereinbar mit ihrer Vornehmheit ansehen.

Zweitens regt der Adel dazu an, an den Tugenden festzuhalten. Das ist verschieden von dem erstgenannten Vorzug, der darin besteht, daß der Adelige dazu angeregt wird, eher das Gute zu tun. Jetzt aber wird weiter darauf hingewiesen, daß  das Bedürfnis, an den Tugenden festzuhal­ten,  leicht Erreichbarem und heftigen Reizen gegenüber wie eine Bremse funktioniert und Lastern und allem, was des Adels unwürdig ist, entgegenwirkt. Und auch dazu führt, daß der Adelige, sollte er einmal etwas Falsches getan haben, sich sosehr dessen schämt, daß er mit allen seinen Kräften bemüht ist, sich von diesem Makel zu reinigen.

Schließlich ist auch das ein Vorteil des Adels, daß – ebenso, wie ein Edelstein mehr leuchtet, wenn er in Gold statt in Eisen gefaßt ist – die gleichen Tugenden bei ihm mehr hervortreten als bei einem gewöhnlichen Mann und daß sich die Tugend mit dem Adel als schönster Schmuck des­selben verbindet.

Anna aus Österreich mit ihren Söhnen.

Nicht nur ist es wahr, daß man den Adel und das Ansehen der Vorfahren als wertvoll anzusehen hat, wir betonen auch die absolute Richtigkeit der fol­genden zwei Feststellungen: erstens, daß – so wie die Tugenden des Adels besonders hervortreten, ebenso – seine Laster besonders schändlich sind. Das ist leicht zu verstehen, denn, so wie Schmutz leichter an einem hellen, sonnenbeschienenen Platz, als in einer dunklen Ecke zu sehen ist, oder Flecken auf einem goldbestickten Gewand eher als auf einem gewöhnlichen, schäbigem Kleid oder schließlich auch Wunden und Narben im Gesicht leichter bemerkt werden als an einer verdeckten Stelle des Körpers, so sind auch Laster auffallen­der und entstellen schändlicher den Geist des Schuldigen bei einem Adeligen als bei gewöhnli­chen Menschen. Denn es gibt wirklich nichts un­würdigeres, als einen jungen Mann aus ange­sehenem Elternhaus und gut erzogen, den man herabge­kommen in Kneipen, beim Spiel und ausschweifenden Gelagen sehen muß.

Hall Saphir und Diamant Halskette

Als zweites stellen wir fest, daß – selbst wenn jemand zum ältesten Adel gehört – dieser ver­blaßt, wenn den Verdiensten der Vorfahren nicht die eigenen Tugenden und Verdienste hinzugefügt werden. Sollte die Reihe verdienstvollen Handelns unterbrochen werden, verliert der Be­treffende seine Würde, selbst wenn ein Rest des Glanzes der Vorfahren noch erkennbar wäre, weil dieser sicherlich zwecklos sein wird. Zwecklos, weil sein Ziel nicht mehr erreichbar ist, das darin besteht, den Träger einstigen – durch unwürdiges Handeln verlorenen – Adels für edles Handeln geneigt zu machen, das tugendhaft ist und ihn von der Sünde abhalten könnte. Und der Adel verwan­delt sich für ihn zur Schande und trägt nicht das Mindeste zu seiner Ehre bei. Das ist es auch, was Unser Herr Jesus Christus den Pharisäern vorge­worfen hat, die sich dessen rühmten, Kinder Abra­hams zu sein, als Er zu ihnen sagte: ‚Wenn ihr Abrahams Kinder wäret, so tätet ihr Abrahams Werke’ (Joh. 8, 39). Denn nur der kann sich dessen rühmen, Sohn oder Enkel und damit Teilhaber des Adels derjenigen zu sein, deren Leben und Tugen­den er selbst nachzuahmen sucht. Und deshalb auch sprach der Herr zu jenen: ,Ihr habt den Teufel zum Vater‘ (Joh. 8, 44) und der allerheiligste Vor­läufer Christi nannte sie ‚Otterngezücht’ (Lk 3, 7).

Bestrafung des Verräters Ganelon.

Wer kann eigentlich noch so unwissend und achtlos sein, daß er noch Gründe findet, am höchsten Adel der Allerheiligsten Jungfrau Maria zu zwei­feln,? Wer weiß denn nicht, daß Sie nicht nur die gleichen Tugenden wie Ihre Vorfahren besaß, sondern Sie noch bei weitem übertraf, so daß man mit allem Recht Sie die Alleredelste nennen muß, denn in Ihr hat der Glanz so berühmter Patriar­chen, Könige, Propheten und Priester, deren Reihe das heutige Evangelium beschreibt, die höchste Vollendung gefunden?

Sicherlich wird jemand fragen, wieso man aus alledem, was bisher dargelegt wurde, den Adel der Vorfahren Mariens ableiten kann, wenn doch die Abstammung Josefs, des Gatten Mariens be­schrieben wird. Wer aber die Heiligen Schriften genau studiert hat, wird diesen Zweifel leicht be­seitigen können. Denn in den Göttlichen Gesetzen ist festgelegt, daß die Jungfrau keinen Mann, außer aus dem eigenen Stamme nehmen sollte, aus Rück­sicht auf die Reihe der Erbfolge (Num. 36, 6 ff) und deshalb ist es vollkommen klar, daβ Josef und Maria aus dem gleichen Stamm und der glei­chen Familie stammen. Aus dieser Beschreibung der menschlichen Abstammung des Sohnes Gottes ist es offensichtlich, daß der Adel des einen und der anderen gleich ist“.

Die Vermählung Mariä. Gemälde von Fra (Guido di Pietro) Angelico.

Der Heilige beginnt dann einen anderen Aspekt des großen Themas zu behandeln:

„Schließlich zum dritten, geliebte Töchter – denn das geht Euch an – ist die Abstammung Josefs und nicht die Mariens beschrieben, damit Ihr lernt, Euch nicht zu überheben oder in beleidi­gender Form Euren Gatten zu sagen: ,Ich habe den Adel in dein Haus, den Glanz der Ehren zu dir gebracht; nun mußt du, mein Mann,  mir zuschreiben, was du an Würde bekommen hast’. Wisset, daß in Wahrheit – und das prägt euch fest ein – Würde und Adel der Familie der Gattin, keiner anderen Familie zu danken ist, außer der des Ehemannes und abscheulich sind jene Gattinnen, die es wagen, sich in irgendeiner Weise über ihre Gatten erheben zu wollen, oder – was das schlechteste ist – sich der Familie ihres Gatten schämen; sie verschwei­gen ihren bürgerlichen Namen und benützen nur den ihrer eigenen Sippe. Das ist wirklich ein teuf­lischer Ausdruck der Überheblichkeit. Welche ist also die Familie Mariens? Josefs Familie ist es! Welcher ist der Stamm, die Sippe und der Adel Mariens? Jene, ihres angetrauten Mannes Josef! Das ist es, ihr christlichen Ehefrauen, die ihr wirk­lich edelmütig und gottesfürchtig seid, was ihr am meisten beachten müßt.“[1]

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[1] Sancti Caroli Borromei Homiliae CXXXII, Ignatii Adami et Francisci Antonii Veith Bibliopolarum, Augustae Vindelicorum (Augsburg), editio novissima, versio latina, s.d., Homilia CXXII, col. 1211-1214-

 

Der Adel und die vergleichbaren traditionellen Eliten in den Ansprachen Pius’ XII. an das Patriziat und an den Adel von Rom, von Plinio Corrêa de Oliveira, Teil III, Dokumente IV, Pgs. 332-335.

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