Ein Fest der Ehre und des Friedens

03/01/2019

Von Plinio Correa de Oliveira

„Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Friede unter den Menschen guten Willens“ (Lk 2, 14).

Jedem Katholiken, der sich in die Betrachtung des heiligen Weihnachtsfestes vertieft, kommen über kurz oder lang die harmonievollen, erleuchteten Worte in den Sinn — fast würden wir sagen ins Ohr — mit denen die Engel den Menschen die große Neuigkeit der Ankunft des Erlösers singend verkündet haben. Und so wollen wir sie auch an der Krippe zu Füßen des Jesuskindes und in innigster Vereinigung mit Maria zum Leitfaden unserer Weihnachtsbetrachtung machen.

„Ehre“. Wie gut verstanden die Alten die Bedeutung dieses Begriffs, wie viele glanzvolle, mitreißende sittliche Werte sahen sie in ihm! Um sie zu erobern, hat so mancher König seine Herrschaft ausgebaut, hat so manches Heer dem Tode ins Auge geschaut, hat so mancher Weise sich mühevollen Studien hingegeben, hat so mancher Forscher sich in die furchtbarsten Einöden gewagt, hat so mancher Dichter seine schönsten Werke geschrieben, hat so mancher Musiker die klangvollsten Töne aus seinem tiefsten Innern hervorgeholt und hat sich schließlich so mancher Geschäftsmann an die gewaltigste Arbeit gemacht. Denn selbst im Reichtum sah man nicht nur den Aspekt des Überflusses, des Komforts und der Sicherheit, sondern auch den der Macht, des Prestiges – in einem Wort: der Ehre.

Das Flötenkonzert Friedrichs des Großen in Sanssouci.

Welche Bestandteile gehörten aber zu dem Begriff der Ehre? Einige waren Teil der Person selbst: hohes Streben, hervorragende Tugend, Ausübung besonderer Taten. Andere hatten mit dem zu tun, was wir heute die öffentliche Meinung nennen. Die Ehre wäre unter diesem Gesichtspunkt die allseitige, laut zum Ausdruck gebrachte Anerkennung der außerordentlichen Begabungen eines Menschen.

Was ist die Ehre wert? Inwieweit trägt der Wunsch nach Ehre dazu bei, eine Seele zu bereichern?

Ohne Zweifel wurden die materiellen Güter zu unserem Nutzen geschaffen, und der Mensch darf sie mit rechtem Maß und Ziel durchaus anstreben. Was wird man aber sagen, wenn er sie zu den höchsten Werten seines Daseins macht? Man wird ihn einen Krämer, einen Egoisten, einen Engherzigen heißen. Kurz gesagt, er wird denen zugerechnet, die in der heiligen Schrift mit dem Hinweis gebrandmarkt werden, ihr Gott sei der eigene Bauch (Phil 3, 19). Ihr Geist kümmert sich nur um das Körperliche, die wahren Güter der Seele verkennen sie und, wenn sie könnten, würden sie – wie Claudel einmal schrieb – die Sterne vom Himmel holen, um sie in Kartoffeln zu verwandeln.

Das einzig echte, feste, greifbare Ziel der menschlichen Gesellschaft würde in diesem Falle darin bestehen, ein sattes, angenehmes Leben zu ermöglichen. Alle Fragen, die sich um Religion, Philosophie, Kunst usw. drehen, wären lediglich von zweitrangiger, wenn nicht von überhaupt keiner Bedeutung.

Gerade hierin liegt für Millionen von Menschen die größte Versuchung, leben sie doch in einer Welt, für die der Begriff „Ehre“ fast völlig seinen Sinn verloren hat. Zwar gibt es das Wort noch in den Wörterbüchern und kommt manchmal sogar noch in der Umgangssprache vor, man könnte jedoch durchaus behaupten, dass es ein totes Wort ist. Und so wie dieses Wort außer Gebrauch gekommen ist, verschwinden nach uns nach auch die entsprechenden Bezugswörter wie Ruhm, Ansehen, Würde …

In einer Welt, in der alles, was zu einem materiell abgesicherten, reichen und satten Leben beiträgt, bis zum Aberwitz aufgewertet ist, erteilt uns der Herr bei Gelegenheit des Weihnachtsfestes eine höchst angebrachte, doppelte Lektion.

Betrachten wir einmal unter dem Gesichtspunkt eines bequemen Lebens die Heilige Familie. Der heilige Josef, Nachkomme eines königlichen Geschlechts, das längst Thron und Besitz eingebüßt hat, lebt in Armut. Die allerseligste Jungfrau findet sich in vollkommener Ergebenheit mit dieser Lage ab. Beide sind bemüht, in dieser Armut ein ordentliches, bescheidenes Leben zu führen, denn all ihr Sinnen und Trachten ist nicht auf wirtschaftlichen Aufstieg, Komfort und Vergnügen gerichtet, sondern allein Gott dem Herrn zu gefallen. Ihrem Kind hat die Heilige Familie als erste Wohnstätte nicht mehr zu bieten als eine Grotte, und ein Trog hat als Wiege zu dienen. Dennoch ist dieses Kind das menschgewordene Wort, bei dessen Geburt die Nacht zu leuchten beginnt, der Himmel sich öffnet und die Engel singen. Und aus weiter Ferne eilen weise Könige herbei, um ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe zu Füßen zu legen …

Welche Armut, und doch welche Ehre! Wirkliche Ehre, denn es geht nicht um das Angesehensein bei Menschen, die nur auf ihr Vorteil aus sind und andere lediglich nach ihrem Reichtum beurteilen, sondern um eine Ehre, die eine Art Abglanz der einzig wahren Ehre, nämlich der Ehre Gottes im höchsten Himmel, ist.

Die Heilige Familie, Cuzco Schule.

Man pflegt zu sagen, dass uns die Armut der Heiligen Familie in Bethlehem die Loslösung von den Gütern dieser Erde lehrt, und dies ist tausendmal richtig. Das heilige Weihnachtsfest ist aber außerdem ein klarer und deutlicher Hinweis auf die erhabene Lehre vom Wert sowohl der himmlischen als auch der sittlichen Güter, die ja auf Erden eine Art Abbild der himmlischen Güter sind.

Und die Güte? Verlangt sie nicht von einem, dass man „demokratisch“ denkt, sich mit den Unteren auf eine Stufe stellt, um ihre Liebe zu gewinnen?

Einer der verhängnisvollsten Irrtümer unserer Zeit liegt in der Vorstellung, dass sich Liebe und Respekt gegenseitig ausschließen, und dass ein König, ein Vater oder ein Lehrer umso mehr geliebt werden, je weniger Respekt ihnen gezollt wird. Das Gegenteil ist der Fall. Ein hohes Maß an Respektabilität kann, wenn sie von wahrer Gottesliebe durchdrungen ist, nur die Achtung und das Vertrauen der redlichen Menschen auf sich ziehen. Und wenn dies nicht geschieht, so liegt es nicht daran, dass die Respektabilität zu groß ist, sondern dass sie nicht auf Gottesliebe gegründet ist.

Die Verkündigung an die Hirten. Gemälde von Thomas Cole, 1834.

Die Lösung ist nicht in der Herabsetzung, sondern in der Erhebung ins Übernatürliche zu suchen.

Die wahrhaft übernatürliche Würde beugt sich hernieder, ohne sich herabzusetzen.

Die eigensüchtige, eingebildete Würde versteht es nicht, entgegenkommend zu sein und dennoch die Würde zu wahren. Wenn sie sich stark fühlt, erniedrigt sie die andern. Wenn sie sich schwach fühlt, erniedrigt sie sich aus Furcht selbst.

Die Heilige Familie, Cuzco Schule.

Stellen wir uns nun eine weltliche Gesellschaft vor, die von diesem hehren, majestätischen, starken Adel, dem Abglanz der Erhabenheit Gottes, ganz und gar durchdrungen ist. Eine Gesellschaft, in der so viel Hoheit unauflöslich mit einer unermesslichen Güte verbunden ist, dass mit wachsender Kraft und Hoheit auch die Barmherzigkeit und Güte zunehmen. Welch eine Sanftheit, welch eine Wonne – mit einem Wort, welch eine Ordnung! Jawohl, welch eine Ordnung … und welch ein Friede! Denn, was ist der Friede anderes als die Ruhe in der Ordnung? (vgl. Hl. Augustinus, XIX De Civ. Dei, Kap. 13)

Das Bestehen auf Irrtum und Bosheit, das Einigsein mit den Soldaten Satans, die scheinbare Verständigung zwischen Licht und Finsternis bringen, eben weil sie dem Bösen die Staatsbürgerschaft zugestehen, nichts als Unordnung und schaffen einen Zustand der Ruhe, der nur noch ein Zerrbild des wahren Friedens ist.

Den wahren Frieden finden wir allein bei den Menschen guten Willens, die aus ganzem Herzen die Ehre Gottes suchen.

Und deshalb verbindet die Weihnachtsbotschaft das Eine mit dem Anderen:

„Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Friede unter den Menschen guten Willens.“ (Lk 2, 14)

 

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