Ansprache vom 9. Januar 1958

12/01/2017

Im Besonderen werdet Ihr Eure Kinder und Enkel daran erinnern, wie der Papst Eurer Kindheit und Jugend es nie unterlassen hat, Euch darauf hinzuweisen, welche neue Aufgaben die neuen Zeitumstände dem Adel auferlegen werden.
Papst Pius XII. während der Krönungsfeier 1939 auf der Sedia gestatoria.

Mit lebhafter Freude empfangen Wir Euch, ge­liebte Söhne und Töchter, in Unserem Hause, die Ihr – noch durchdrungen von den geheiligten Ausstrahlungen des Weihnachtsfestes – gekom­men seid, um Eure Ergebenheit diesem Heiligen Stuhl gegenüber zu bekräftigen. Mit väterlichen Gefühlen und dem heißen Wunsch, sich von der Liebe der Kinder umgeben zu lassen, sind Wir gerne bereit, Eurem Wunsche zu entsprechen, wieder einmal Worte der Ermunterung zu hören. Dies, in Erwiderung der Wünsche Eures erlauchten und beredten Sprechers, die er Uns eben entboten hat.

Die heutige Audienz erinnert Uns an den ersten Besuch, den Ihr Uns im schon weit zurückliegen­den Jahre 1940 abgestattet habt. Wie viele schmerz­liche Verluste sind inzwischen in Euren auserwähl­ten Reihen eingetreten, aber auch wie viele neue und schöne Blumen sind inzwischen auf dem glei­chen Felde erblüht! Das schmerzende Gedenken an die Einen und die frohe Gegenwart der Anderen scheinen wie in einem großen Bilde des Lebens zusammenzufallen, das – wenn es auch Vergäng­liches enthält – heilsame Lehren erteilt und sein Licht der Hoffnung auf Gegenwart und Zukunft ausstrahlt. Während diejenigen, die „vom Weiß des Schnees oder des Silbers die Stirne umrahmt tragen“ in den Frieden der Gerechten eingegangen sind, geschmückt mit den „vielen Verdiensten, die sie durch lange Pflichterfüllung“ erworben haben, nahmen und nehmen andere, „unternehmungsfreudig in der Blüte der Jugend und im Glanz des Mannesalters, ihren Platz ein. Diese, geleitet von der drängenden Hand der Zeit, die ihrerseits der weisen Führung durch den Schöpfer folgt. Inzwi­schen sind sie zum Kampf für „Fortschritt und Verteidigung aller edlen Unternehmungen“ ange­treten, die damals zu den Kleinen gehört haben, deren „heiteren und lächelnden Unschuld“ Unsere Vorliebe gehört. In ihnen liebten Wir die „kindlich- unbefangene Arglosigkeit, das lebhafte und klare Leuchten ihrer Blicke, engelsgleicher Abglanz der Reinheit ihrer Seelen“ (vgl. „Discorsi e Radio­messagi, Bd. I, 1940, S. 472). Nun, an jene Kleinen von damals, die jetzt lebhafte Jünglinge oder schon reife Männer geworden sind, wünschen Wir vor allem Unser Wort zu richten, so, als ob Wir ein wenig das Innerste Unseres Herzens eröffnen wollten.

Daß die gesellschaftlichen Unterschiede, die Euch nicht nur aus der Masse hervorheben, sondern Euch auch besondere Pflichten zum Wohle der Allgemeinheit auferlegen. Daß die obersten Gesellschaftsklassen dem Volke große Vorteile aber auch schweren Schaden bringen können.
Ankunft von D. Carolina Leopoldina in Brasilien, 5 November, 1817.

Ihr, die ihr zu jedem Jahresbeginn es nicht ver­säumt, Uns aufzusuchen, werdet Euch sicher an die Eindringlichkeit erinnern, mit der Wir bemüht waren, Euch den Weg in die Zukunft zu weisen. Einen Weg der sich damals schon als ein schwieri­ger Gang zeigte, in Anbetracht der folgenschweren Umwälzungen und großen Veränderungen, die die Welt bedrohten. Trotzdem sind Wir sicher, daß Ihr – auch wenn Eure Stirnen vom silbernen Weiß umrahmt sein sollten – noch Zeugen sein werdet. Zeugen nicht nur Unserer Wertschätzung und herz­lichen Zuneigung, sondern auch der Richtigkeit, Begründbarkeit und Zweckmäßigkeit Unserer Rat­schläge und der Früchte, die, wie Wir hoffen wollen, sie für Euch und das Gemeinwohl tragen werden.

Im Besonderen werdet Ihr Eure Kinder und Enkel daran erinnern, wie der Papst Eurer Kindheit und Jugend es nie unterlassen hat, Euch darauf hinzuweisen, welche neue Aufgaben die neuen Zeitumstände dem Adel auferlegen werden. Jener Papst, der Euch vielmehr oft erklärt hat, daß frucht­bare Arbeit der sicherste und würdigste Titel dafür ist, um Euch einen dauerhaften Platz unter den Führern der Gesellschaft zu sichern. Daß die ge­sellschaftlichen Unterschiede, die Euch nicht nur aus der Masse hervorheben, sondern Euch auch besondere Pflichten zum Wohle der Allgemeinheit auferlegen. Daß die obersten Gesellschaftsklassen dem Volke große Vorteile aber auch schweren Schaden bringen können. Daß die Veränderung der Lebensbedingungen sich, wo auch immer, doch den Traditionen anpassen können, die die Patri­zierfamilien bewahren.

Ihr werdet Euch auch an Unsere Aufforderung erinnern, Niedergeschlagenheit und Kleinmut wegen der Veränderungen in den Zeitumständen zu verbannen und an Unsere Ermahnungen denken, Euch mutig den neuen Umständen anzupassen. Das alles, mit festem Blick auf das christliche Ideal, den wahren und unvergänglichen Nachweis echten Adels
Kaiser Karl I., Kaiserin Zita und königliche Familie

Oftmals, mit Bezug auf die Zeitumstände, haben Wir Euch dazu aufgefordert, an der Heilung der Wunden, die der Krieg geschlagen hat, mitzu­wirken. Mitzuwirken bei der Wiederherstellung des Friedens, bei der Neugeburt des nationalen Lebens, aber Euch fernzuhalten von der inneren „Auswanderung“ oder Verweigerung. Das deshalb, weil auch in der neuen Gesellschaftsord­nung weite Spielräume für Euch reserviert sind, wenn Ihr Euch tatsächlich als Elite und als die Besten erweist. Das heißt, hervorragend durch see­lische Ausgeglichenheit, schnelles Zupacken und großzügige Anteilnahme. Ihr werdet Euch auch an Unsere Aufforderung erinnern, Niedergeschlagen­heit und Kleinmut wegen der Veränderungen in den Zeitumständen zu verbannen und an Unsere Ermahnungen denken, Euch mutig den neuen Umständen anzupassen. Das alles, mit festem Blick auf das christliche Ideal, den wahren und unver­gänglichen Nachweis echten Adels. Und wozu wohl, geliebte Söhne und Töchter, haben Wir Euch diese Ratschläge und Empfehlungen gegeben, wenn nicht um Euch vor Enttäuschungen und Bit­terkeit zu bewahren und um der Gesellschaft, zu der Ihr gehört, den wertvollen Beitrag, den Ihr geben könnt, zu erhalten. Vielleicht aber fragt Ihr Uns, was Ihr Greifbares tun müßt, um dieses hohe Ziel zu erreichen?

Vor allem müßt Ihr auf einem untadeligen reli­giösen und moralischen Verbalten beharren, beson­ders in Eurem Familienleben, und einer gesunden Strenge in der Lebensführung. Verhaltet Euch so, daß die anderen Klassen den Schatz an Tugenden und Gaben bemerken, die die Früchte der langen Tradition Eurer Familien sind. Zu diesen Früchten gehören die unerschütterliche Kraft Eures Geistes, die treue Hingabe an die edelsten Dinge, zartfüh­lendes Mitleid und Hilfsbereitschaft den Schwa­chen und Armen gegenüber. Kluges und feinsinni­ges Vorgehen in schwierigen und schwerwiegen­den Angelegenheiten, jenes persönliche Ansehen, das in den vornehmen Familien ja fast erblich ist, womit man vermag zu überzeugen ohne zu bedrän­gen, zu führen, ohne zu zwingen, zu erobern, ohne die Gefühle des Anderen zu verletzten oder zu demütigen und das sogar bei Gegnern und Rivalen. Der Einsatz dieser edlen Gaben und die Ausübung religiöser und ziviler Tugenden sind die überzeu­gende Antwort auf Vorurteile und Mißtrauen. Sie beweisen höchste geistige Lebenskraft, die die Ursache äußerer Stärke und fruchtbringender Arbeit ist.

Vor allem müßt Ihr auf einem untadeligen religiösen und moralischen Verbalten beharren, besonders in Eurem Familienleben, und einer gesunden Strenge in der Lebensführung.
Emanuel II. von Portugal mit seiner Frau Auguste Viktoria von Hohenzollern-Sigmaringen bei ihrer Hochzeit 1913.

Kraft und Fruchtbarkeit der Werke! Das sind zwei Eigenschaften der echten Aristokratie, dessen heraldische Symbole, in Bronze gegossen und in Marmor gehauen, unvergängliche Zeugnisse sind, weil sie sichtbare Spuren der politischen und kul­turellen Geschichte vieler ruhmreicher, europä­ischer Städte sind. Es ist wohl war, daß die moderne Gesellschaft nicht den Brauch hat, in erster Linie von Euch den richtigen Hinweis beim Beginn von Unternehmungen und zur Meisterung von Ge­schehnissen zu erwarten. Trotzdem weist auch sie nicht die Mitwirkung Eurer hohen Talente zurück. Das ist so, weil eine urteilsfähige Gruppe dieser Gesellschaft gerechtfertigte Hochachtung vor den Traditionen bewahrt hat und den Wert des hoben Ansehens schätzt, soweit dieses begründet ist. Auch der andere Teil der Gesellschaft, der Gleich­gültigkeit oder sogar Verachtung den uralten Le­bensformen gegenüber zeigt, ist doch nicht ganz unempfindlich für den Reiz gesellschaftlichen Glanzes. Das geht ja soweit, daß man sich bemüht, eine Art neuer Aristokratie zu schaffen, einige Formen davon beachtlich, andere jedoch nur auf Eitelkeit basierend. Auf Eitelkeit und Nichtigkei­ten, die sich lediglich dadurch auszeichnen, daß sie einige dekadente Elemente der alten Einrichtungen übernehmen.

Es ist klar, daß sich die Kraft und Fruchtbarkeit der Werke heute nicht immer in veralteten Formen ausdrücken kann. Das heißt aber nicht, daß Eure Einsatzmöglichkeiten eingeschränkt worden sind. Im Gegenteil, diese Möglichkeiten bestehen heute bei der Gesamtheit aller Berufe und Ämter. Alle beruflichen Einsatzmöglichkeiten stehen Euch offen, auf allen Gebieten könnt Ihr Euch nützlich und bedeutend machen: in der öffentlichen Verwaltung, in der Regierung, auf wissenschaftli­chem Gebiet, in der Kulturarbeit, der Industrie und dem Handel.

Schließlich wünschen Wir, daß Euer Einfluß in der Gesellschaft Euch vor einer Gefahr beschützt, die kennzeichnend für die moderne Zeit ist. Es ist bekannt, daß die Gesellschaft Fortschritte macht, wenn die Tugenden einer ihrer Klassen sich unter den anderen Klassen verbreitet. Ebenso ist es bekannt, daß das Niveau der Gesellschaft absinkt, wenn sich die Laster und Unsitten eines Teiles der Gemeinschaft auf die anderen Teile ausdehnen. Der Schwäche der menschlichen Natur wegen, kann man feststellen, daß sich besonders die Übel heute von Volk zu Volk und über die Kontinente ausbreiten, umso einfacher Kommunikation, Infor­mation und persönliche Kontakte geworden sind.

Es ist bekannt, daß die Gesellschaft Fortschritte macht, wenn die Tugenden einer ihrer Klassen sich unter den anderen Klassen verbreitet.
Ludwig XIV. König von Frankreich.

Auf dem Gebiet der Moral kann das gleiche beobachtet werden wie im Gesundheitswesen. Weder Distanzen noch Grenzen können jemals einen Epidemieerreger davon abhalten, in kurzer Zeit selbst ferne Regionen zu befallen. Deshalb ist es möglich, daß die hochgestellten Klassen, darunter Eure, auf Grund ihrer vielfältigen Beziehungen und häu­figen Aufenthalte in Ländern verschiedener, mög­licherweise schlechterer Moral, leicht zu Überträ­gern von Sittenverirrungen werden könnten. Dabei beziehen Wir Uns besonders auf Verirrungen, welche die Heiligkeit der Ehe in Frage stellen, der religiö­sen und moralischen Erziehung der Jugend, der christlichen Zurückhaltung bei Vergnügungen und auf die Schamhaftigkeit. Die traditionelle Hoch­achtung dieser Werte in Eurem Vaterland muß ver­teidigt und heilig und unverletzlich gehalten werden und vor den Angriffen der zerstörenden Einflüsse geschützt werden, von wo auch immer sie herkommen mögen. Jeder Versuch, mit der Tradition zu brechen, der nie einen Fortschritt be­deutet, es sei denn, in Richtung auf die Zerstörung, ist ein Anschlag auf die Ehre und Würde der Nation.

Was Euch betrifft, sorgt dafür und seid wachsam, damit schädliche Theorien und perverse Beispiele niemals mit Eurer Zustimmung oder Sympathie rechnen können und vor allem in Euch keine willigen Träger oder die Gelegenheit, Infek­tionsherde zu bilden, finden. Der große Respekt vor den Traditionen, die Ihr besitzt und durch den Ihr Euch in der Gesellschaft auszeichnet, möge Euch den Halt geben, damit Ihr, mitten unter dem Volk, diesen wertvollen Schatz bewahrt. Mögli­cherweise ist das heutigentags die wichtigste soziale Funktion des Adels; sicherlich ist es der größte Dienst, den Ihr der Kirche und dem Vater­land erweisen könnt.

Kraft und Fruchtbarkeit der Werke! Das sind zwei Eigenschaften der echten Aristokratie. Der große Respekt vor den Traditionen, die Ihr besitzt und durch den Ihr Euch in der Gesellschaft auszeichnet, möge Euch den Halt geben, damit Ihr, mitten unter dem Volk, diesen wertvollen Schatz bewahrt.
Deutscher Kardinal Clemens August Graf von Galen (vollständig: Clemens Augustinus Joseph Emmanuel Pius Antonius Hubertus Marie Graf von Galen;) 16. März 1878 in Dinklage, Oldenburger Münsterland; † 22. März 1946 in Münster, Westfalen.

Übt also die Tugenden und setzt, zum Wohle der Allgemeinheit die Gaben Eures Standes ein, zeich­net Euch im Berufsleben und bei allem, was Ihr beginnt, aus und schützt die Nation vor schädli­chen, auswärtigen Einflüssen – das sind die Emp­fehlungen, die Wir glauben, Euch zum Jahresan­fang geben zu müssen.

Nehmt sie, geliebte Söhne und Töchter, aus Unseren väterlichen Händen, verwandelt durch einen großmütigen Willensakt in eine dreifache Verpflichtung; bietet sie, von Euch aus als höchst­persönliche Gabe dem Gottessohn dar, der sie, als Gold, Weihrauch und Myrrhe annehmen wird, so wie sie Ihm, vor langer Zeit, die Weisen aus dem Morgenland angeboten haben.

Damit der Allmächtige Eure Absichten bestärke und Unsere Gebete erhöre, die Wir darum an Ihn gerichtet haben, möge auf Euch allen, auf Euren Familien und besonders auf Euren Kindern, die Eure beste Tradition in die Zukunft tragen, Unser Apostolischer Segen ruhen.[1]

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[1] (Discorsi e Radiomessaggi di Sua Santità Pio XII, Tipografia Poliglotta Vaticana, 9.1.1958, S. 707-711.)

 

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