von Plinio Corrêa de Oliveira

„Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und siehe des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht; siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr“ (Lk 2,8-11).

Verkündigung an die Hirten von Thomas Cole.

Zu mitternächtlicher Stunde hatte die Dunkelheit ihren Höhepunkt erreicht. Über den Herden ringsum lag Ungewissheit, Gefahr. Von der Müdigkeit übermannt, war der eine oder andere Hirte sogar eingenickt. Andere aber ließen Eifer und Pflichtbewusstsein nicht schlafen. Sie wachten. Wahrscheinlich beteten sie auch, dass Gott die lauernden Gefahren von ihnen fernhalten möge.Plötzlich erschien ihnen ein Licht und „die Klarheit des Herrn leuchtete um sie“. Die Angst vor Gefahren löste sich auf. Und es wurde ihnen die Lösung aller Probleme und Gefahren verkündet. Doch vielmehr als die Probleme und Gefahren einiger armen Herden oder ein Häuflein Hirten. Vielmehr als die Probleme und Gefahren, die die weltlichen Interessen ständig bedrohen. Ja, es wurde ihnen die Lösung der Probleme und Gefahren verkündet, die das bedrohen, was der Mensch am wertvollsten und edelsten besitzt: seine Seele. Probleme und Gefahren, die nicht die Güter dieses Lebens bedrohen, die früher oder später vergehen werden, sondern das ewige Leben, in das der Erfolg wie die Niederlage kein Ende haben werden.

Ohne den Anspruch eine Exegese dieses heiligen Textes machen zu wollen, komme ich nicht umhin anzumerken, dass diese Hirten, ihre Herden und die Dunkelheit uns die Lage der Welt am ersten Weihnachtsfest in Erinnerung rufen.

Zahllose Geschichtsquellen aus jener fernliegenden Zeit berichten von einem weitverbreiteten Gefühl unabwendbaren Missgeschicks, herbeigeführt durch das wirre Zusam-menspiel misslicher Probleme, aus denen es keinen Ausweg mehr zu geben schien, eine Endstation mit Aussicht allein auf Chaos und Vernichtung.

Wenn die damaligen Menschen den Weg betrachteten, den sie seit den ersten Tagen auf dieser Erde bis dann zurückgelegt hatten, konnten sie verständlicherweise einen gewissen Stolz verspüren. Sie hatten einen Höhepunkt der Kultur, des Reichtums und der Macht erreicht. Wie weit waren die großen Völker des Jahres 1 unserer Zeitrechnung – vor allem die römische Supermacht – entfernt von den primitiven Völkern, die durch die Weiten umherirrten, der Barbarei anheimgefallen waren und von allen möglichen feindlichen Faktoren gegeißelt wurden. Allmählich bildeten sich die Nationen, sie nahmen ein eigenes Gesicht an, brachten eigene Kulturen und Institutionen hervor, bauten Straßen, begannen mit der Seefahrt und verbreiteten überall die Früchte ihrer Arbeit. Es gab wohl auch Missbrauch und Unordnung. Die Menschen bemerkten dies aber nicht so recht, denn jede Generation leidet unter einer außerordentlichen Gefühllosigkeit für die Übel ihrer Zeit.

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Das schlimmste an dieser Lage der alten Welt war nicht das Fehlen irgendwelcher Dinge. Im großen und ganzen hatten die Menschen, was sie brauchten. Aber nachdem sie hart um die Mittel zum Glück gekämpft hatten, wussten sie nichts damit anzufangen. Alles, was sie sich so lange und unter größten Entbehrungen erwünscht hatten, hinterließ nun in ihrer Seele nichts als eine ungeheure Leere. Ja, oft bedrückte es sie sogar. Denn Macht und Reichtum, aus denen man keinen Nutzen zu ziehen versteht, machen nur Arbeit und bringen Sorgen.Dunkelheit lag also über die Menschheit. – Und was taten die Menschen in dieser Dunkelheit? – Sie taten das, was sie immer tun, wenn es Nacht wird: Die einen laufen den Ausschweifungen nach, andere geben sich dem Schlaf hin. Wieder andere aber – und es sind ihrer nur wenige! – machen es wie die Hirten: Sie wachen und halten Ausschau nach den Feinden, die aus dem Dunkel heraus angreifen. Sie halten sich bereit zum harten Widerstand. Ihre Augen hängen am dunklen Himmel, und sie beten. In ihrer Seele trösten sie sich mit der Gewissheit, dass endlich die Sonne wiederkehren wird, um die Dunkelheit zu vertreiben und mit ihr all die Feinde, denen die Nacht Unterschlupf gewährte und Anreiz zum Verbrechen war.Unter den Millionen Menschen jener vergangenen Zeiten, die sich unter der Last müßiger Kultur und unnützen Überflusses abquälten, gab es auch Auserwählte, die ein Auge hatten für all den Sittenverfall, das Unglaubwürdige dieser Ordnung, die den Menschen umzingelnden Gefahren und vor allem auch für die Sinnlosigkeit all dieser auf Götzendienst fußenden Kulturen.

Diese außerordentlichen Geister kannten nicht unbedingt eine besondere Bildung oder eine hervorragende Intelligenz als ihr eigen. Der Scharfsinn, der es einem Menschen erlaubt, die großen Zusammenhänge, die großen Krisen und ihre großen Lösungen zu erkennen, ist ja nicht unbedingt das Ergebnis eines durchdringenden Verstandes, vielmehr kommt es dabei auf die Redlichkeit der Seele an.

So erkannten die redlichen Menschen sehr wohl die Lage, denn für sie ist Wahrheit Wahrheit und Irrtum ist Irrtum; das Gute ist für sie gut, und das Schlechte ist schlecht. Ihre Seele lässt sich nicht von der Ordnungslosigkeit ihrer Zeit anstecken, sie lassen sich nicht vom Spott und Ausgestoßensein einschüchtern, mit denen die Welt den Nichtkonformisten begegnet. Von dieser Art waren diese seltenen und ein wenig überall verstreuten Seelen, die da in der Nacht wachten, beteten, kämpften und auf Rettung hofften, es waren Herren und Diener darunter, Greise und Kinder, Weise und des Schreibens und Lesens Unkundige.

Und die Rettung erschien zuerst den treuen Hirten. Aber dann, nach all dem Geschehen, von dem uns die Evangelien berichten, strömte sie auch hinaus über die engen Grenzen Israels und erschien als das große Licht für all diejenigen auf der ganzen Welt, die sich nicht mit der Flucht in Ausschweifungen oder mit einem stupiden Schlafzustand begnügen wollten.

Als Jungfrauen, Kinder und Greise, Hauptmänner, Senatoren und Philosophen, Sklaven, Witwen und Machtinhaber sich zu bekehren begannen , fiel über sie die Zeit der Verfolgungen. Doch keine Gewalt konnte sie brechen. Und als sie in der Arena dem Kaiser, den johlenden Massen und den Tieren mit Stolz gegenübertraten, sangen die Engel des Himmels: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen, die guten Willens sind.

Diesen himmlischen Gesang hörte kein Ohr, doch er rührte die Seelen. Das Blut dieser sanften und unbeugsamen Helden verwandelt sich so in Samen neuer Christen.

Die alte Welt der Anbeter des Fleisches, des Goldes und der Götzen starb dahin. Eine neue Welt zog herauf, gestützt auf Glauben, Reinheit, Enthaltsamkeit und Hoffnung auf das Himmelreich.

Unser Herr Jesus Christus wird alles lösen.

Gibt es heute echte Menschen guten Willens, die in der Finsternis wachen, anonyme Kämpfer, die ihren Blick zum Himmel richten und mit unzerstörbarer Sicherheit auf das Licht warten, das wiederkommen wird?

Ja, es gibt sie, genau so wiwe zur Zeit der Hirten. Diesen echten Menschen guten Willens, diesen wahren Nachfolgern der Hirten von Bethlehem sage ich, sie mögen die Worte des Engels wie an sie gerichtet verstehen: „Fürchtet euch nicht, denn ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird“.

Es sind prophetische Worte, die in den Verheißungen Marias in Fatima widerklingen. Es kann der Kommunismus seine Irrtümer überall verbreiten, den Gerechten Leiden zufügen, am Ende aber – prophezeite die Mutter Gottes in der Mulde von Iria – wird Ihr „unbeflecktes Herz triumphieren“.

Dieses große Licht wünsche ich als kostbares Weihnachtsgeschenk allen Lesern, vor allem aber allen Menschen echten guten Willens.

 

(Freie Übersetzung aus „Folha de S. Paulo“ 26.12.71)

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Die Brautjungfer

30/11/2017

– ca. 1883-85 –
James Tissot


Eine elegant gekleidete Brautjungfer bereite sich für den Einstieg in die Droschke vor, in der sich schon die Braut befindet, von der man nur ein Teil des Kleides sieht, welches Ende des 19. Jahrhunderts gewöhnlich in Farbe war. Der Bräutigam, in vornehmer und höflicher Haltung, hält den Saum des langen Brautkleides beiseite und über der jungen Dame einen Schirm. In der geschäftigen Straße bleiben einige stehen und schauen zu; ein Laufjunge oder Lehrling vorne rechts ruft, „es lebe die Braut!“ Der Charme und die Leutseligkeit, die aus dieser Szene hervorgehen, kommen nicht nur von der Schönheit der Kleider, sondern auch von dem zeremoniösen Umgang unter den Menschen in wichtigen Momenten des gesellschaftlichen Lebens. Die hier wiedergegebene Szene, ist noch aufgebaut auf die Institution der Familie, deren Fundament die unauflösliche Ehe ist.

Benoît Bemelmans
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Roberto de Mattei: „Der Kreuzritter des 20. Jahrhunderts: Plinio Corrêa de Oliveira. TFP-Büro Deutschland, Frankfurt, 2004, Kapitel I, Abschnitt 9, SS 47-52.

Im Februar des Jahres 1919 kam Plinio Corrêa de Oliveira im Alter von zehn Jahren auf das Gymnasium des von den Jesuitenpatres geleiteten St. Ludwigs–Kollegium, das traditionsgemäß von den Kindern der führenden Oberschicht São Paulos besucht wurde.(97) Wie es sein soll, fand die mütterliche Erziehung in der Schule ihre natürliche Fortsetzung und Weiterentwicklung. In den Unterweisungen der Jesuiten fand Plinio die Liebe zu dem methodischen Leben wieder, das ihm bereits seine Gouvernante Mathilde Heldmann (98) beigebracht hatte, und vor allem jenes militante Verständnis des geistigen Lebens, das seine Seele zutiefst anstrebte. (99) 

Plinio am Tag seiner Ersten hl. Kommunion

In der Schule kam es dann zum ersten Zusammenstoß mit der äußeren Welt. Hier erwartete den jungen Plinio sein erstes Schlachtfeld, denn hier stieß er auf die „zwei Städte“ Augustins, vermengt wie Weizen und Unkraut, wie Getreidekorn und Stroh, von denen im Evangelium (100) die Rede ist. Und er verstand, daß das Leben des Menschen auf Erden ein harter Kampf ist, in dem nur der den Kranz empfängt, „der nach Vorschrift gekämpft hat“ (101). „Vita militia est“. (102) Das Neue Testament, vor allem aber die paulinischen Briefe bestehen immer wieder darauf, das das geistliche Leben des Christen ein Kampf ist. „Der Christ ist zum Kämpfen geboren“, behauptet Leo XIII. (103) „Das Wesen und die Grundlage allen christlichen Lebens besteht darin, nicht die verdorbenen Sitten der Welt zu unterstützen, sondern sie zu bekämpfen und ihnen mit Ausdauer zu widerstehen“. (104)

Vom hl. Ignatius lernte Plinio, daß „die Seele eines jeden Menschen ein Schlachtfeld ist, auf dem Gut und Böse gegeneinander kämpfen“ (105). Als Folge der Erbsünde besitzen wir alle unordentliche Neigungen, die uns zum Sündigen einladen; der Teufel sucht, diese zu fördern, während die himmlische Gnade uns hilft, sie zu besiegen und sie in Gelegenheit der Heiligung zu verwandeln. „Zwischen den Kräften, die ihn zum Guten oder zum Bösen führen, steht als Zünglein an der Waage die menschliche Willensfreiheit“ (106). Plinio gehörte sicherlich zu den Paulistaner Jungens seiner Generation, die P. Burnichon 1910 bei einem Besuch des St. Ludwig-Gymnasiums als „ernst, umsichtig, bedächtig“ beschrieb. „Ihr Gesichtsausdruck erhellt sich selten, das Lächeln scheint ihnen wenig vertraut zu sein; andererseits hat man mir versichert, daß sie fünf Stunden lang an der gleichen Stelle stillzustehen vermögen, um gelehrten Reden zu lauschen, was ihnen hin und wieder tatsächlich widerfährt. Unzweifelhaft beschert das Klima dieser Rasse eine frühzeitige Reife, die sicher ihre Vor- und Nachteile hat, daneben aber auch ein habituelles Phlegma, das keineswegs lebendige Eindrücke und heftige Gemütsausbrüche ausschließt.“ (107)

Frl. Mathilde Heldmann

Im St. Ludwig-Gymnasium lernte der junge Plinio den radikalen Gegensatz zwischen der Welt der Familie und der der Kollegen mit ihren ersten Anzeichen von Bosheit und Unsittlichkeit kennen. Wie es unter Schülern oft zu geschehen pflegt, waren es die boshaftesten Jungen, die sich gegen die anderen durchsetzten: Die Reinheit wurde verspottet und verachtet, Schamlosigkeit und Vulgarität wurden als Zeichen von Männlichkeit und Erfolg hingestellt. Mit allen seinen Kräften lehnte er sich gegen diese Situation auf. Ihm war durchaus klar, daß es sich hier nicht um einen Einzelfall handelte, sondern daß dies die Folgen einer Mentalität waren, die der seiner Familie entgegengesetzt sein mussten. Wenn er diese Sinnesart übernähme, würde er mit seiner Reinheit auch all die Ideale verlieren, die in seinem Herzen aufblühten. Ihm wurde klar, daß die Religion die Grundlage aller Dinge war, die er liebte, und so entschied er sich für einen Kampf ohne Unterlass für jene Weltanschauung, die ihm anerzogen worden war. Auf diese Weise gelangte er zu einer Überzeugung, die im Laufe der Jahre immer rationalere Grundlagen finden sollte:

„Es war ein konterrevolutionäres Verständnis der Religion als einer verfolgten Macht, die uns die ewigen Wahrheiten lehrt, unsere Seele rettet, in den Himmel führt und unserem Leben einen Stil aufdrückt, der als einziger das Leben lebenswert macht. Daher kam mir der Gedanke, daß ich, zum Mann geworden, den Kampf gegen eine Lebensordnung aufnehmen müsste, die ich für revolutionär und böse ansah, um an ihrer Stelle eine Ordnung zu errichten, wie sie der katholischen Lebensordnung entsprach.“ (108)

Im Alter von 17 Jahren schloss Plinio 1925 seinen Gymnasialkurs ab. Später würde er in den Ängsten und der inneren Vereinsamung jener Jahre einen Ausdruck der schweren Krise sehen, die einen der wichtigsten Aspekte der Geschichte der Menschheit im 19. Jahrhundert und einen der Gründe ihrer tiefen Zerrissenheit ausmachen.

Plinio (Kreis) und Schulkameraden

„Die Einstellung des 19. Jahrhunderts gegenüber der Religion und der Moral war eine zutiefst widersprüchliche. (…) Religion und Moral wurden nicht als etwas für alle Menschen Notwendiges und Verpflichtendes angesehen. Im Gegenteil, für jedes Geschlecht, jedes Alter, jeden gesellschaftlichen Stand gab es eine religiöse Lage und ein sittliches Verhalten, die dem, was das 19. Jahrhundert für das andere Geschlecht, für ein anderes Alter und andere Gesellschaftsschichten vorschrieb, entgegengesetzt waren. Das 19. Jahrhundert bewunderte den „Köhlerglauben“ in seiner Einfachheit und Reinheit, machte aber gleichzeitig den Glauben eines Wissenschaftlers als unbewusstes Vorurteil lächerlich. Kinder durften glauben. Bei Jugendlichen und Erwachsenen war der Glaube jedoch verpönt. Höchstens wurde er noch dem Alter zugestanden. Von der Frau verlangte man Reinheit. Vom Mann aber forderte man geradezu die Unreinheit. Der Arbeiter hatte Disziplin zu halten. Den Denker aber feierte man ob seines revolutionären Geistes.“ (109)

Bei der Gelegenheit dieser Rede hat sich Plinio den Mitschülern seiner Generation zuwenden und sie mit begeisternden Worten zu Kampf und Heroismus aufgerufen:

„Wir verstehen das Leben nicht als Fest, sondern als Kampf. Unser Ziel ist das eines Helden und nicht eines Sybariten. Über diese Wahrheit, die ich euch heute wiederhole, haben wir tausendmal nachgedacht (…). Stellt Christus in die Mitte eures Lebens. Lasst alle eure Ideale in ihm zusammentreffen. Angesichts des großen Kampfes, der die nobelste Berufung eurer Generation darstellt, wiederholte der hl. Martin von Tours den berühmten Satz: Domine, non recuso laborem.“ (110)

Plinio (M) auf der Fakultät

Der Tradition seiner Familie folgend, immatrikulierte sich Plinio Corrêa de Oliveira 1926 an der Rechtsfakultät der Universität São Paulo. Der junge Mann, der sich gern der Betrachtung hingab und viel las, begann nun neben dem Jurastudium auch die philosophische, die moralische und geistige Kultur zu pflegen. Zu den Werken, die er in diesen Jahren las und die seine Bildung zutiefst beeinflussen sollten, gehörten die „Abhandlung über das Naturrecht“ des Jesuitenpaters Luigi Taparelli d’Azeglio (111) sowie „Die Seele eines jeden Apostolats“ von dem Trappisten-Abt Jean Baptiste Chautard (112). Dieses Werk, dem seine besondere Vorliebe galt, bildete ein wertvolles Gegengift gegen die „Häresie der Aktion“ (113), die zu einem Kennzeichen der damaligen Zeit zu werden begann. Ihr setzt Abt Chautard das innere Leben entgegen, das er als „den Zustand einer Seele“ definiert, „die reagiert, um die natürlichen Neigungen zu beherrschen, und sich die Gewohnheit anzueignen sucht, alles nach den Anweisungen des Evangeliums und dem Beispiel Christi zu beurteilen und sich nach diesen zu richten.“ (114)

Plinio Corrêa de Oliveira hat diese geistige Haltung seit dem Jugendalter zutiefst geliebt und gelebt. Obwohl er sich seit seiner frühesten Jugend der Aktion und dem öffentlichen Apostolat widmete, vergaß er doch nie, mit Hilfe eifriger und ständiger Übung der geistigen Fähigkeiten, sein inneres Leben zu entwickeln.

Das von Pius X. aufgezeigte Ideal der Restauration der katholischen Zivilisation schien angesichts des verworrenen Panoramas der zwanziger Jahre, die die Entstehung und Verbreitung des Kommunismus und des Faschismus und die Durchsetzung eines der traditionellen Lebensweise radikal entgegengesetzten amerikanischen way of life erlebten, noch in weiter Ferne zu liegen. Im Herzen des jungen brasilianischen Studenten bildete sich jedoch im Laufe dieser Jahre das Bewusstsein einer Berufung heraus. (115) Diese war auf geheimnisvolle, vorsehungshafte Weise mit der unerfüllten Aufgabe des großen Papstes verbunden, der seit seiner ersten Enzyklika, E supremi Apostolatus vom 4. Oktober 1903, die Devise „Instaurare omnia in Christo“ (Eph 1,10) als Programm seines Pontifikats und Ziel für das beginnende 20. Jahrhundert gewählt hatte.

Alles wiederherstellen in Christus meint „nicht nur das, was eigentlich zur göttlichen Sendung der Kirche gehört, nämlich die Seelen zu Gott zu führen, sondern auch das, was (…) auf natürliche Weise von dieser göttlichen Sendung abzuleiten ist: die christliche Zivilisation mit jedem einzelnen und allen sie bildenden Elementen“. (116)

Plinio Corrêa de Oliveira würde eines Tages seine eigene Berufung mit folgenden Worten beschreiben:

„Als ich noch sehr jung war, betrachtete ich hingerissen die Ruinen der Christenheit. An sie hängte ich mein Herz. Dem Künftigen kehrte ich den Rücken zu und machte aus jener segensreichen Vergangenheit meine Zukunft …“. (117)

Fussnoten

(97) Das Gymnasium St. Ludwig war 1867 in Itú gegründet worden und zog später in das imposante Gebäude Nr. 2324 an der Avenida Paulista in São Paulo um. Der Rektor der Schule war zu dieser Zeit P. João Baptista du Dréneuf (1872-1948) (vgl. A. GREVE SJ, Fundação do Colégio São Luiz. Seu Centenário, 1867-1967, in A.S.I.A. Nr. 26 (1967), S. 41-59). Zu den Lehrern des jungen Plinio zählte P. Castro e Costa, der ihm dann auch im Kampf um die Katholische Aktion zur Seite stehen sollte, und den er in den fünfziger Jahren in Rom wiedersehen würde (vgl. J. CLÁ DIAS, Dona Lucília, a. a. O. Bd. I, S. 203).

(98) Mathilde Heldmann stammte aus Regensburg und hatte bereits das Amt einer Gouvernante in mehreren aristokratischen Häusern Europas ausgeübt. „Eine der größten Wohltaten, die wir unserer Mutter verdanken, bestand darin, daß sie das ,Fräulein‘ eingestellt hat“, konnte man öfters aus dem Munde Plinio Corrêa de Oliveiras vernehmen (J. CLÁ DIAS, Dona Lucília, Bd. I, S. 203).

(99) Zum „militanten“ Verständnis der christlichen Spiritualität vgl. Pierre BOURGUIGNON, Francis WENNER, Combat spirituel, in DSp. Bd. II,1 (1937), Sp. 1135-1142; Umile BONZI DA GENOVA, Combattimento spirituale, in DSp. Bd. X (1980), Sp. 1210-1233.

(100) Mt 13, 24-27.

(101) 2 Tim 2,5.

(102) Ijob 7,1.

(103) Leo XIII. in der Enzyklika Sapientiae Christianae vom 10. Januar 1890, in La pace interna delle nazioni, Bd. III (1959), S. 192.

(104) Leo XIII. in der Enzyklika Exeunte iam anno vom 25. Dezember 1888, in Le fonti della vita spirituale, Bd. II, S. 345, 358 (S.337-359).

(105) Plinio CORRÊA DE OLIVEIRA, Lutar varonilmente e lutar até o fim, in Catolicismo Nr. 67 (Juli 1956), S. 2.

(106) Ibid.

(107) Joseph BURNICHON, Le Brésil d’aujourd’hui, Perrin, Paris 1910, S. 242.

(108) Plinio CORRÊA DE OLIVEIRA, Memórias. Unveröffentlicht.

(109) Plinio CORRÊA DE OLIVEIRA, Discurso no encerramento do ano de 1936 no Colégio Arquidiocesano de São Paulo, in Echos Nr. 29 (1937), S. 88-92.

(110) Ibid.

(111) Über den Jesuiten Luigi TAPARELLI D’AZEGLIO (1793-1862), Verfasser des berühmten theoretischen Traktats über das Naturrecht, wieder aufgelegt in 2 Bänden bei La Civiltà Cattolica, Rom 1949 (1940-1943), in dem die Beziehungen von Recht, Moral und Politik im Lichte der katholischen Lehre scharfsinnig analysiert werden, s. Robert JACQUIN, Taparelli, Lethielleux, Paris 1943, und die Stimme von Pietro PIRRI S.J. in EC, Bd. XI (1953), Sp. 1741-1745.

(112) Abt Jean-Baptiste CHAUTARD, L’âme de tout apostolat, Office Français du Livre, Paris 1947. „Beim Lesen der wunderbaren Seiten dieses Buches, dessen Inbrunst streckenweise an die ‚Nachfolge Christi‘ erinnert, nimmt man ohne weiteres die Schätze der Empfindsamkeit wahr, die seine große Seele hütete“ (Plinio CORRÊA DE OLIVEIRA, Almas delicadas sem fraqueza e fortes sem brutalidade, in Catolicismo Nr. 52 (April 1955). Der Abt Jean Baptiste Chautard ist am 12. März 1858 in Briançon geboren. Er trat in den Zisterzienser-Orden der strengen Observanz ein, wurde 1897 zum Abt des Trappistenklosters Chambaraud (Grenoble) gewählt und 1899 zum Abt von Sept-Fons (Moulins). Während seiner langen Regierungszeit musste er sich mit weltlichen Problemen auseinandersetzen, die seinen Orden betrafen, den es gegen die antireligiöse Politik seiner Zeit zu verteidigen galt. Als vollkommenes Beispiel der in Die Seele eines jeden Apostolats beschriebenen Verbindung von kontemplativem und aktivem Leben verstand er es, sich mit seiner Persönlichkeit gegen den Minister Clémenceau durchzusetzen und ihn dazu zu bringen, seine Haltung gegen die kontemplativen Orden zu mäßigen. Er starb am 29. September 1935 in Sept-Fons.

(113) Die „Häresie der Aktion“, verstanden als eine aktivistische, naturalistische Weltsicht, die die entscheidende Rolle der Gnade im menschlichen Leben verkennt, war ein Kennzeichen des „katholischen Amerikanismus“ des ausgehenden 19. Jahrhunderts; sie wurde von Leo XIII. in dem apostolischen Schreiben Testem Benevolentiae vom 22. Januar 1899 (in Acta Leonis XIII., Bd. XI, Rom 1900, S. 5-20) verurteilt. Vgl. Emanuele CHIETTINI, Americanismo, in EC, Bd. I (1950), Sp. 1054-1056); G. PIERREFEU, Americanisme, in DSp, Bd. I (1937), Sp. 475-488); H. DELASSUS, L’américanisme et la conjuration anti-chrétienne, Desclée de Brouwer, Lille 1899; Thomas McAVOY, The Americanist Hersey in Roman Catholicism 1895-1900, University of Notre Dame Press, Notre Dame (Ind.) 1963; Robert CROSS, The emergence of Liberal Catholicism in America, Harvard University Press, Harvard 1967; Ornella CONFESSORE, L’americanismo cattolico in Italia, Studium, Rom 1984.

(114) J.-B. CHAUTARD, L’âme de tout apostolat, S. 14.

(115) „Illos quos Deus eligit, ita praeparat et disponit ut id ad quod eliguntur, inveniantur ideonei“ (Hl. THOMAS VON AQUIN, Summa Theologica, III, 27, 4c). Die Berufung ist die besondere Weise, nach der Gott will, daß sich seine Erwählten entwickeln. Als Erwählte werden sie ausgesucht und dementsprechend vorbereitet und gerüstet, um für das Ziel, das Gott ihnen seit aller Ewigkeit bestimmt hat, geeignet zu sein.

(116) Hl. PIUS X., Enzyklika Il fermo proposito vom 11. Juni 1905, in Bd. IV, Il laicato (1958), S. 216.

(117) Diese Worte Plinio Corrêa de Oliveiras sind in seiner Handschrift als Epigraph in dem Buch Ein halbes Jahrhundert antikommunistischen Heldenkampfes zu finden.

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